Sesamsesam 2017

Date: September 8, 2017

https://www.youtube.com/watch?v=reh2wJLzOmE

Jutta Ravenna: Sesamsesam (2017), interaktive Klangskulptur

Mehrere in das Objekt integrierte übergroße Zahlen- und Textdisplays sind mit verschiedenen Aktivitäten der Besucher online verknüpft und zeigen die gleichzeitig sonifizierten Daten, wie Aufenthaltsdauer, Log-In, Log-Out-Zeit, „Send“ und „Receive“, auch visuell an.

Sesamsesam sonifiziert WLAN-Traffic, um über physische Erfahrungen mit Daten für den Hörer das kinästhetische Erfassen des Auditiven zu ermöglichen. Damit wird das Publikum als Datengenerator zum wichtigen Bestandteil dieser Arbeit, in der es darum geht, auf die Netzpräsenz im kollektiven Datenraum zu horchen und die klangliche Atmosphäre physisch zu beeinflussen. Dies geschieht vor dem Datenklangfenster über einen 3D-Sensor, der die unmittelbare gestische Interaktion, Bewegungen und Raumwege scannt und die Klangskulptur zum spiel- oder steuerbaren Instrument werden lässt. In der kegelförmigen sensorischen Umgebung kann der beständig im Wandel begriffene Klang auf drei Raumachsen in freien Bewegungen schiebend, rotierend, pendelnd in sanften Linien oder kurzen Stößen „ertastet“ werden. Die Besucher erforschen mit ihrem Körper diese „kinetischen Objekte“ im Sensorraum, zugleich malen ihre Bewegungen Klanglinien in den Raum.

Technische Realisation • Liang Zhipeng und Timo Engel

 

Tanz mit interaktiver Klangskulptur
Tomoko Mio und Jutta Ravenna: Dancing Sound – Conducting Data (2017)

In einer Tanzaufführung mit Jutta Ravennas interaktiver Klangskulptur Sesamsesam (2017) hat die Tänzerin eine zweifache Aufgabe: Erstens schafft sie einen Tanz zu einer Musik, die noch nicht existiert, sondern die erst gleichzeitig zum Tanz aus sonifizierten Daten generiert wird. Zweitens beeinflusst die Tänzerin den Klang während seiner Entstehung durch ihre Körperbewegungen, wie eine Dirigentin.

Im Tanz mit einer Raumskulptur verbünden sich architektonischer, sensorisch präparierter und digitaler Informationsraum, um sich abwechselnd in den Vorder- und Hintergrund der Wahrnehmung zu verlagern. Ein mittig über dem Datenklangfenster positionierter, auf Bewegungen reagierender Sensor scannt die Tanzbewegungen dreidimensional und ermöglicht neue räumliche Bewegungs- und Klangeffekte. Das von Ravenna in ihren Datenskulpturen eingesetzte Basismaterial elektronischer Schaltkreise wurde im Zuge fortschreitender Digitalisierung, Minimierung und Komplexitätssteigerung zunehmend immateriell. In ihrer interaktiven Arbeit Sesamsesam entwirft die Künstlerin deshalb eine begehbare Version ihres Datenraums.

Auch Tomoko Mio befasst sich mit der Thematik des Raumes, wenn sie körperliche Bewegungsabläufe und -muster erkundet. Jutta Ravennas Interesse gilt der körperlichen Präsenz der Tänzerin im Datenraum. Rotierende, lineare oder punktuelle Spuren, Körperhaltungen, Positionen oder Wege im Raum: Alle Tanzbewegungen erfahren in diesem Raum eine klangliche Manifestation. Das dafür erforderliche technische Instrumentarium wurde im Team von Liang Zhipeng, Tomoko Mio und Jutta Ravenna experimentell entwickelt. Die Ravenna-Tomoko-Kollaboration basiert auf Ravennas modulhaft konzipierten choreographischen Handlungsanweisungen und Tomokos tänzerisch-choreographischer Kreativität.

Der kegelförmige Sensorraum manifestiert sich in den Dimensionen Höhe, Breite, Tiefe, Volumen und Form. Dieser Raum ist so programmiert, dass er auf die Bewegungen einzelner Körperteile wie Kopf, Schulter, Hand oder Knie reagiert. Drehungen, Schritte und Sprünge erfolgen spontan oder in Reaktion auf die beständig im Wandel begriffene sensorische Umgebung. Die Bewegungen unterliegen keiner Choreographie, sondern entwickeln sich prozesshaft und intuitiv, ähnlich einer Improvisation. Die Verbindung von Tanz- und Klangbewegung verlangt von der Tänzerin ein „Hören in Bewegung“ sowie ein hohes Maß an physischer Präsenz, um sich auf die räumliche Platzierung der Klangobjekte innerhalb der Struktur der dreidimensionalen Klanginstallation einzustellen.

Die Bewegungen in dem sensorisch präparierten Raum rufen Ereignisse aus dem Internet auf. Mit freiwillig aufgezeichneten Internet-Aktivitäten liefert das Publikum den erforderlichen Input für die Installation: Mit jedem Login wird dem Klangbild eine neue Frequenz aus einem Pool prädefinierter Möglichkeiten minimaler Frequenzabweichungen als Variationsmöglichkeit hinzugefügt. Die sonifizierten Daten werden vor dem Datenklangfenster gesplittet und entsprechend ihrer Entfernung vom Objekt in Klangzonen unterteilt. Die Tänzerin erforscht mit ihrem Körper die kinetischen Klangobjekte im Sensorraum, zugleich malen ihre Bewegungen Klanglinien in den Raum, während im Hintergrund die digitale Bühne eines temporären WLAN-Netzwerkes entsteht, in dem von den Festivalbesuchern zur Verfügung gestellte Daten wie Aufenthaltsdauer, Log-In-, Log-Out-Zeit, „Send“ und „Receive“ sonifiziert werden.

Dank Ravennas Instrumentarium klingender Datenströme findet die Tänzerin in der Echtzeitsonifikation einen eigenständigen Partner für ihre Bewegungen. Tänzerin wie Publikum ermöglicht die interaktive Klanginstallation SesamSesam ein kinästhetisches Erleben des Auditiven: Körperbewegungen und Raumwege gewinnen hohe Bedeutsamkeit für das Erfassen der verräumlichten Klänge im Sensorraum.

Jutta Ravenna und Sabine Sanio